
Die amerikanische Rechte unter dem Schutz Gottes
Es ist wie immer im Figaro, die Seite 2, recto&verso, ist im Internet nur den Abonnenten zugänglich. Manchmal vermißt der Nichtabonnent einiges, wenn beispielsweise Georges Malbrunot berichtet, meistens allerdings wäre ein Abonnement das Geld nicht wert.
Am 28. September 2010 liest man im papiernen Figaro einen ganzseitigen Beitrag der Washington-Korrespondentin Laure Mandeville über die US-amerikanische Rechte. Die Überschrift: Die amerikanische Rechte unter dem Schutz Gottes sowie ein 20,7x15,7 cm großes Foto vom Washingtoner Fotojournalisten Pete Marovich mit einer Gruppe von Tea Party Aktivisten auf dem Marsch zum Capitol, am
12. September 2010, illustrieren, worum es der Korrespondentin geht, um die Diskreditierung der Bewegung als Zusammenrottung weißer bigotter Populisten: Barack Obama mit Heiligenschein NOT MY GOD und GOVT IS THE PROBLEM darunter ein Foto von Ronald Reagan vor dem Star Spangled Banner. Die Slide Show von Pete Marovich hingegen zeigt den geringen Anteil von religiösen Postern. (1)
Die Washington Post, nicht bekannt als Freundin der Republikaner oder gar der Tea Party, thematisiert nirgends auf den sieben Fotos, die sie vom Marsch veröffentlicht, eine Gottesnähe der Aktivisten, sondern Don´t Tread on Me, Geh mir nicht auf die Nerven, ein Spruch auf einigen der ersten Flaggen der USA, Get Out 2 Vote - And Vote ´em Out, November 2 bring it on! Losung für den Tag der Zwischenwahlen, Save the children - Stop Spending, Tea + Vote Means Prosperity, 11-02-10 We Take it Back, More Government is Not the Answer, Job Killer - Baby - Killer - Liberty Killer, auf den Postern geschrieben mit großen Buchstaben. Auf Foto Nr. 4 der Bildergalerie sieht man Sakina Mengle, aus Bethesda, Maryland, eine Afro-Amerikanerin. (2)
Sie arbeitet in einem Krankenhaus. Das Parteimitglied der Demokraten ist am
4. November 2008 begeistert über die Wahl des ersten afro-amerikanischen Präsidenten. Aber sie begann zu lesen und zu hören und seine Politik wirklich zu verstehen, und zu ihrer Überraschung war sie äußerst enttäuscht, steht auf der Site Diverse Tea der Washingtoner Lobby-Gruppe FreedomWorks, der Organisatorin des Marsches. Sakina Mengle ist eine von 13 auf der Site vorgestellten Personen. (3)
Wir sind schwarz, braun und weiß, wir sind Juden und Nicht-Juden. Wir gehören unterschiedlichen Gemeinschaften an, sind verschiedener Herkunft und aus allen Rassen, Farben und Überzeugungen. Wir werden Amerika zurückübernehmen, nicht von Demokraten oder Republikanern, sondern von einer überheblichen politischen Klasse, die ihre Interessen über diejenigen aller Amerikaner stellt, ist das Motto von FreedomWorks. (4)
Das aber ist für Laure Mandeville nicht die Stoßrichtung, sondern die konservativen Christen, die sich gegen Barack Obama mobilisieren, um ihren Einfluß wiederzugewinnen, den sie unter George W. Bush hatten. Der Anreißer führt die Leser nicht zu einem Bericht, sondern wie bereits die Artikel der Figaro-Korrespondenten zu den Präsidentschaftswahlen 2008 mitten in die Indoktrination.
Dazu wird das Foto eingestellt, das nicht die Teilnehmer der Veranstaltung abbildet, von der Laure Mandeville berichtet, sondern von einer anderen, vom Marsch aufs Capitol. Es mag sein, daß die Korrespondentin jene gar nicht besucht, sondern ihre verstümmelten Zitate aus US-amerikanischen Zeitungen abgeschrieben oder von einem Kollegen geschenkt bekommen hat.
Values Voter Summit 2010, Washington, September 17-19, 2010
Vom 17. bis 19. September 2010 findet im Washingtoner Hotel Omni Shoreham der Values Voter Summit 2010 statt, der Gipfel der Werte-Wähler, veranstaltet von evangelikalen Christen des Family Research Council; es ist also keine Veranstaltung der Tea Party. Wie fair und prompt ein politischer Gegner darüber am ersten und am folgenden Tag berichten kann, zeigt Evan McMorris-Santoro auf Talking Points Memo des Josh Marshall. (5)
Ihn kennen meine Leser aus meinen Artikeln über den Irakkrieg sowie aus meinem Verriß des Filmes Le Monde selon Bush. Die Welt gemäß Bush. Den Film zeichnet aus, was heute auch Laure Mandevilles Artikel über die amerikanische Rechte auszeichnet, er strotzt vor Arroganz und er kommt verspätet. Man sollte nicht meinen, daß der Figaro eine Tageszeitung ist. (6)
Evan McMorris-Santoro berichtet über die Versammlung der Moralisten, Moralists Unite:
Alle Artikel setzen sich kritisch auseinander mit den Values Voters. (7)
Als Anti-Establishment, Nonkonformismus, würde aber wohl im Gegensatz zu Laure Mandeville kein amerikanischer Kritiker die Tea Party bezeichnen, und die Veranstaltung der Evangelikalen als große Jahresmesse der religiösen Rechten ebenfalls nicht. Politische Veranstaltungen sind keine Messen oder andere Gottesdienste; es ist eher so, daß Atheisten gern diese oder jene politische oder kulturelle Veranstaltung in Messen umwandeln. Für die Korrespondentin, die sich zu den esprits français imprégnés de laïcité zählt, den französischen von Laizität durchdrungenen Geistern, sind drei Frauen interessant, die auftreten und erklären, daß in schlaflosen Nächten Gott zu ihnen gesprochen habe, sie sollten tätig werden, Gott in die USA zurückzubringen. Zwei von ihnen heißen Billie Tucker und Katy Abrams, die von der Korrespondentin in Billy und Katie umbenannt werden. Letztere erklärt u.a., daß "Obama die Christen erniedrigt und den Islam aufgerichtet hat".
Zur Einstimmung auf den Bericht über den Values Voter Summit 2010, das politische Ereignis, das für Konservative meinungsbildend für die Zwischenwahlen, aber vor allem für die kommenden Präsidentschaftswahlen 2012 ist, macht sich Laure Mandeville über die drei Frauen lustig, die am 17. September 2010 auftreten. Genaue Daten über die Dauer des Summit und seine Tagesordnung liefert sie nicht.
Billie Tucker, Vorsitzende der First Coast Tea Party, sagt von sich: "I am not an expert" in politics, ... "but I know one thing: God is." Die Florida Times ergänzt, daß auch andere Tea Party Aktivisten erklärten, das ganze Land suche etwas, das Billie Tucker "moralische Führung" nennt. Die Aktivistin ist in den 50ern, sie erzählt den Zuhörern, daß sie auf einen Ruf von Gott hin sich zum ersten Mal in die Politik einmische. (8)
Es wäre angebracht, wenn Journalisten seriöser als Laure Mandeville über solche Auftritte berichteten, es würde ausreichen, wenn sie ihre bis zur Unterwürfigkeit reichende Ernsthaftigkeit dem Islam und den Forderungen der Muslimfunktionäre gegenüber ein wenig auf das Christentum und Äußerungen von Christen übertrügen. Sie müssen diese Ansichten nicht teilen, von ihnen wird weniger Meinung als Information gefordert.
Die liefert Laure Mandeville schon eher, wenn es in zehn Zeilen über das Mißtrauen der Amerikaner gegenüber dem Islam zu berichten gilt, und Gary Bauer, den sie fälschlich als président du Conseil de la famille bezeichnet, Präsident des Familienrates, Barack Obama vor einer Unterschätzung der tödlichen Gefahr des radikalen Islam für die westlichen Gesellschaften warnt. Gary Bauer war von 1988 bis 1999 Präsident des Family Research Council (FRC), des Familienforschungsrates, man kann es bei Wikipedia und auf der Website des FRC nachlesen. Derzeitiger Präsident ist Tony Perkins. (5)
Es gibt auf dem Summit ein Rundtischgespräch "Die amerikanische Apokalypse: Wenn die Christen nichts tun, tun die Atheisten alles". Die Konservativen seien in der Offensive, die Evangelikalen, die traditionellen Katholiken und Protestanten. Von Laure Mandeville hätte man gern vernommen, welches Programm, welche Veranstaltungen es überhaupt auf dem Summit gegeben hat. Das bekommt man mit einer Pressemappe gleich am Eingang, wenn man an einer solchen Konferenz als Journalist teilnimmt.
Wie bereits Klaus Scherer in seinem Bericht für die ARD, hält es auch die Korrespondentin des Figaro nicht für nötig, sich auch nur mit einem der von ihr besprochenen Aktivisten persönlich auseinanderzusetzen, ihm im Interview Fragen zu stellen und die Antworten zu veröffentlichen. (9)
Stattdessen redet sie mit Shaun Casey, einem Religionswissenschaftler, der Barack Obama während des Wahlkampfs berät. Les socio-conservateurs, "social conservatives", die Verteidiger moralischer Werte, die ihre glorreiche Zeit unter Ronald Reagan und George W. Bush gehabt hätten, setzten jetzt zur "Rückeroberung" an. Shaun Casey soll Barack Obama zu den Präsidentschaftswahlen 2008 Stimmen von den Evangelikalen bringen. Jetzt bringt er seine Meinung über die religiöse Rechte der USA, vermittelt durch Laure Mandeville, an die Leser des Figaro. Um wen es sich bei Shaun Casey handelt, erfahren die Leser nicht, es reicht für seine Glaubwürdigkeit anscheinend, daß er im Dunstkreis des Barack Obama wirkt, ein buntes Bildchen, 3x4cm, des lieb lächelnden Herrn anbei, Unterschrift: "Jemand, der nicht gläubig ist, hätte keine Chance, in die Präsidentschaft gewählt zu werden, das ist ganz einfach unvorstellbar." Wer sich informieren möchte, dem biete ich zwei Links an, einen positiven und einen negativen. Der positive ist vom Center for American Progress des von George Soros finanzierten John D. Podesta, der negative von der immigrationskritischen Site 24Ahead.com. (10)
Es ist schon merkwürdig, daß es in Europa nur noch Meinungspostillen und -anstalten gibt, in denen hin&wieder Informationen veröffentlicht werden, vor allem im Anzeigenteil. Der einzige Vorzug an Artikeln oder Fernsehbeiträgen wie dem von Laure Mandeville oder Klaus Scherer ist, daß man, wenn Namen präzise genannt oder Zitate original gebracht werden, die Google-Suchmaschine anwerfen und sich im Internet informieren kann. Das habe ich getan und Informationen nachgereicht, die es in unsere MSM nicht schaffen.
Blogger, die nun gleich wieder die roten Messerchen wetzen, um mich diesmal zur Evangelikalen und zur Freundin von Billie Tucker und Katy Abram zu erklären, bitte ich, wenigsten einmal einen Artikel sorgfältig zu lesen. Danke!
28./29. September 2010
Quellen
(1) La droite américaine sous la tutelle de Dieu. Par Laure Mandeville,
Le Figaro, 27/28 septembre 2010, p. 2
http://tinyurl.com/38eyzmv
tutelle, Subst. f. Pons. Das Sprachenportal
http://de.pons.eu/dict/search/results/?q=tutelle&in=&l=defr
Tea Party March on the Capitol. Pete Marovich. Slide Show
http://tinyurl.com/2vxqq2a
(2) ´Tea party´ activists march on Capitol Hill. The Washington Post,
September 12, 2010
http://tinyurl.com/3xsn29x
(3) Sakina Mengle. Diverse Tea
http://www.freedomworks.org/DiverseTea/?p=146
(4) Diverse Tea. FreedomWorks
http://www.freedomworks.org/DiverseTea/
(5) Family Research Council. Defending Faith, Family and Freedom
http://www.frc.org/
Talking Points Memo. Wikipedia
http://en.wikipedia.org/wiki/Talking_Points_Memo
(6) Practice to Deceive. Chaos in the Middle East is not the Bush hawk´s nightmare scenario - it´s their plan. By Joshua Micah Marshall. The Washington Monthly Online, April 2003
http://www.washingtonmonthly.com/features/2003/0304.marshall .html
Le Monde selon Bush - ein Film für französische Heuchler. 11. Juli 2004
http://www.eussner.net/artikel_2004-07-11_18-09-29.html
(7) Values Voter Summit 2010. Talking Points Memo. Audio. Videos
http://tpmdc.talkingpointsmemo.com/values-voter-summit/2010/ 09/
Newt Gingrich in meinem Archiv
http://tinyurl.com/2fge43b
(8) Local TEA Party leader invokes God, wades into social issues.
By Abel Harding, jacksonville.com, September 23, 2010
http://tinyurl.com/2f5xlmw
(9) ARD. Tina Hassel und die bizarre Schlammschlacht gegen Konservative.
12. September 2010
http://www.eussner.net/artikel_2010-09-12_20-11-06.html
(10) Shaun Casey. Center for American Progress
http://www.americanprogress.org/events/2009/02/inf/CaseyShau n.html
John Podesta. DiscoverTheNetworks.org
http://www.discoverthenetworks.org/individualProfile.asp?ind id=1626
Shaun Casey, Barack Obama´s faith advisor, supports illegal immigration,
engages in false compassion. 24Ahead.com. Immigration and Politics,
July 19, 2008
http://24ahead.com/blog/archives/007840.html