
Olympia 1972: Customs officials opened only the woman´s bag -
and saw nothing but lingerie ...
Als der Terroranschlag und die Geiselnahme geschehen, am Dienstag, den 5. September 1972, (1) bin ich mit 25 arabischen Teilnehmern für die Deutsche Stiftung für internationale Entwicklung (DSE), heute Inwent, etwa eine Woche auf einer touristischen und fachlichen Deutschlandreise. Wir befinden uns aber nicht in München; denn die DSE ist aus Gründen der Sparsamkeit nicht bereit, Olympiakarten zu zahlen, und die Hotels sind eh zu teuer, sondern wir sind in Frankfurt. (2)
Zwei Tage darauf bringe ich meine Teilnehmer zu ihren Fliegern, und man kann sich vorstellen, wie die Araber von den Leuten gemustert werden: Wer weiß, ob die nicht auch damit zu tun haben - so ähnlich. Ich werde anzüglich beäugt: Terroristenliebchen. Araberfreunde gibt es unmittelbar nach dem Massaker keine in Deutschland; es ist nicht so wie nach dem 11. September 2001, da sie sich bei uns exponentiell vermehren.
Als ich meinen letzten Teilnehmer in seinem Flieger habe, atme ich auf; nun muß ich nur noch mit PanAm zurück nach Berlin. Als Gepäck habe ich zwei Koffer, einen privaten Samsonite und einen Alu-Koffer aus dem Fundus der DSE. Darin befinden sich die restlichen Seminarpapiere und schmutzige Wäsche.
Als es ans Einsteigen in unsere Maschine geht, verbreitet sich ein Raunen unter den Passagieren, der Einstieg werde sich verzögern. Ich, erleichtert, meine Araber heil weggekriegt zu haben, denke: Na, das hat sicher mit mir und meinen Arabern zu tun, und feixe mir einen ob des guten Witzes.
Nach einigen Minuten wird mein Name aufgerufen, und ob ich im Besitz eines Alu-Koffers sei. Ja, bin ich. Streng werde ich aufgefordert, mehreren Beamten zu folgen, die mich argwöhnisch mustern. Die übrigen Fluggäste würden mich am liebsten mit Blicken töten, denn inzwischen ist etwa eine Stunde des Wartens vergangen.
Man bringt mich weit hinaus aufs Flugfeld, ich muß sehr lange laufen. Dann blicke ich auf eine grüne Wiese, auf der in großer Entfernung mein Alu-Koffer steht. Ist das Ihr Koffer? Ich glaube, ja, er ist leider sehr weit weg. Um die Wiese herum parken mehrere Feuerwehr- und Polizeiautos im Zustand höchsten Alarmes. Eine hektische Betriebsamkeit herrscht, und als man meiner ansichtig wird, breitet sich Nervosität aus: der Finger ist am Abzug.
Was ist in dem Koffer? Darin sind restliche Seminarpapiere der DSE und schmutzige Wäsche. Haben Sie darin auch Gegenstände mit Batterien, Wecker, Puppen zum Aufziehen o.ä.? Nein, nur das angegebene Zeug. Sind Sie sicher, daß es Ihr Koffer ist? Ja. Haben Sie jemandem den Koffer zur Aufbewahrung gegeben? Nein.
Ich biete an, zum Koffer zu gehen und ihn zu öffnen, den Schlüssel habe ich ja dabei. Ungläubiges Staunen: Sind Sie sicher? Ja, warum denn nicht? Wissen Sie wirklich, was in dem Koffer ist? Ja!
Alle weichen sehr weit von mir, und sie lassen mich allein zu dem Koffer gehen. Auch da wieder wäre es bestimmt zu gefährlich für die Sicherheitsbeamten, mich zu begleiten. Ich könnte ja, woran ich in dem Augenblick selbst gar nicht denke, tatsächlich völlig unschuldig sein, und jemand vom Flughafenpersonal oder seine Freunde könnten nach dem Einchecken meinen Koffer manipuliert haben. Bei den Zuständen, die Sicherheit auf europäischen Flughäfen betreffend, wäre das durchaus möglich. Im Flughafen Paris CDG ist noch 34 Jahre später nicht-sicherheitsüberprüftes muslimisches Personal, das zur spirituellen Erbauung nach Pakistan reist, im Gepäckbereich tätig. (3)
Sie lassen mich in die potentielle Gefahr laufen. Ich schließe den Koffer auf, und es ist darin, was ich angegeben habe. Da dreschen die Fragen und Anschuldigungen erst recht auf mich ein: Es hätte ja sein können! Warum ist nicht einmal ein batteriegetriebener Wecker darin? Was ich mit dem Alu-Koffer gemacht hätte, ihre Prüfgeräte hätten angeschlagen, warum? Sie sehen sich die Papiere an, die schon in den Überschriften zeigen, daß es sich um ein Seminar für Araber gehandelt hat. Da geht die Fragerei richtig los, wieso ich ausgerechnet jetzt mit Arabern unterwegs wäre etc.
Dann darf ich endlich zu den übrigen Fluggästen, die mich schweigend und sehr feindselig mustern. Viel Platz lassen sie neben, hinter und vor mir beim Einsteigen. Ein bedauernswerter Mann muß dennoch neben mir Platz nehmen. Ich weiß nicht, ob er um einen anderen Platz gebeten hat, der Flug ist ausgebucht, so gibt es für ihn kein Entrinnen.
Als die Maschine landet, niemand entführt ist, und auch ich keine Anstalten gemacht habe, die Fluggäste zu bedrohen oder aufzumischen, strömen die Fluggäste eilig in die Halle; wenn ich mich recht erinnere, ist es in Berlin-Tempelhof, aber ich bin nicht mehr sicher. Ein aufgeregter älterer Herr, als Inder oder Pakistani zu erkennen, stürzt auf eine wartende junge Frau im Sari zu und ergießt über sie in englischer Sprache einen haßerfüllten Redeschwall über diese gräßliche Person, derentwegen die Maschine verspätet sei. Dabei weist er mit dünnem Zeigefinger auf mich. Die Frau im Sari wird krebsrot vor Scham und bedeutet dem Mann, Ruhe zu geben. Sie ist meine Kollegin, Dolmetscherin der DSE und Favoritin des Abteilungsleiters; der Fluggast ist ihr aus Indien angekommener Vater. Alle ziehen von hinnen, auch ich mit meinen beiden Gepäckstücken ...
29. Juni 2008
Quellen
(1) When The Terror Began. By Alexander Wolff, Time/CNN, August 25, 2002
http://www.time.com/time/printout/0,8816,901020902-340700,00 .html
(2) InWent. Internationale Weiterbildung und Entwicklung gGmbH
http://www.inwent.org/
(3) Le tribunal administratif rendra son jugement demain ou après demain.
Par Ludovic Luppino, Roissy Mail, 13 novembre 2006
http://tinyurl.com/6m6o3v
Weitere Links und schöne Knittelverse in den Weisheiten vom Schaf!
http://www.eussner.net/schaf_2005-08-31_14-41-03.html