
Dieudonné und das Elend der französischen Medien
Wer nicht nur am Fall des Charles Enderlin, sondern auch an dem des Komikers Dieudonné das Elend der französischen Massenmedien bestaunen möchte, der kann das, wenn er am Donnerstag, 26. Juni 2008, um 20 Uhr, auf google.fr "Dieudonné" eingibt und auf die Actualités klickt. Er findet sechs Angebote, zuoberst AFP, die gegen 15 Uhr die Nachricht von der Bestätigung der Verurteilung des Humoristen Dieudonné, vom 11. September 2007, durch das Berufungsgericht zu 7000 Euro Strafe für seine in Algier, am 16. Februar 2005, geäußerten Worte über die Shoah bringt. (1)
Dort qualifiziert er die Gedenkveranstaltungen für die Shoah und zum sechzigsten Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz als "pornographie mémorielle", als Erinnerungspornographie: "Das wird zur Überdosis, das wird ungesund."
Dieudonné geht in Algier auf einer Pressekonferenz ein auf die Rede des Premierministers Jean-Pierre Raffarin beim Dîner des CRIF, den er als eine "verfassungswidrige und sektiererische Organisation" bezeichnet. "Raffarin persönlich war am letzten Wochenende beim CRIF, und er klagt mich an, weil man dieser Gaunertruppe immer in den Arsch kriechen muß, diesen Mafiosi, die im Begriff sind, die französische Republik in einen Bürgerkrieg zu zerren", sagt er und beklagt "die vollständige Unterwerfung der Führer und Verantwortlichen Frankreichs unter den Willen des CRIF". Zionistische Autoritäten, die das Filmgeschäft dirigierten, hätten ihn gehindert, einen Film über die Geschichte der Schwarzen zu drehen.
Einzelheiten zu diesem und zu weiteren Äußerungen des Dieudonné sowie die Reaktion der französischen Justiz darauf kann man in meinen beiden Artikeln Pornographie der Erinnerung und Dieudonné und das Dîner des CRIF, vom 21. und 24. Februar 2005 nachlesen. Wie die französischen Medien sich seinerzeit des Falles Dieudonné annehmen, geht aus den Artikeln hervor: gleichgültig und uninteressiert am Thema zitieren sie kommentarlos AFP, AP und Reuters. Kein Journalist von denen, die sonst so eifrig sind, sich für die Verbesserung der Welt durch Anschuldigungen gegen Israel einzusetzen, gibt seinen Namen her, keiner weiß etwas dazu. (2)
So ist es auch heute: die AFP-Meldung gibt es im Figaro, um 15:11 Uhr, in Le Monde, um 15:25 Uhr, im NouvelObs, um 15:26 Uhr, bei OZAP, um 16:48 Uhr, Street Reporters, um 19:10 Uhr, wobei die Meldung von Le Monde nicht in den Actualités aufgeführt wird, ich habe sie von Nasrin erhalten; dafür danke ich! (3)
Der Artikel des Figaro ist bereits am Morgen ohne das Urteil online, er wird später mit dem Urteil ergänzt. Auch in diesem Fall zeichnet kein Journalist für die Auflistung der über die Jahre erfolgten antisemitischen Äußerungen und anderen Beleidigungen des Dieudonné seit 1999 verantwortlich: lefigaro.fr avec le Figaro et AFP. Nicht alle Verfahren führen zu einer Verurteilung. Außer dem Figaro findet nur noch das Journal du Dimanche das Urteil wichtig für seine Leser; um 17:30 Uhr erscheint dort ein ausführlicher Artikel von Simon Vallois. (4)
Vielleicht haben die Journalisten der französischen Medien keine Zeit, weil sie sich um die weitere Verbreitung des "Appells" für Charles Enderlin kümmern müssen. (5)
Update
Le Monde ist heute mit Dieudonné in den Actualités. Habe ich der Zeitung des Sylvain Cypel und seiner Genossen unrecht getan? Lesen Sie bitte selbst, Le Monde bringt fünf Zeilen der AFP - über einen Prozeß, der nichts mit dem Antisemitismus und dem Urteil vom 26. Juni 2008 zu tun hat. Der Komiker ist Auto gefahren ohne Führerschein, der für ungültig erklärt wurde, am 27. Juni 2008 hätte die Verhandlung stattfinden sollen; sie wird auf den 7. November 2008 verschoben. (6)
Calamitas würde das abbuchen unter Ikonoklastische und moralinsaure Ansichten über alles, was wir schon immer nicht wissen wollten. (7)
Was dabei allerdings einmal mehr deutlich wird, das ist das Elend dieser Zeitung, deren Mitarbeiter nicht zu wissen scheinen, welches Gewicht für Zeitungsleser welche Nachrichten haben. Sie informieren entlang ihrer ideologischen Leitlinien; es darf nichts herauskommen über Dieudonné, diese Ikone der französischen Antisemiten und Israelhasser. Man könnte sonst bei dessen nächsten Äußerungen unliebsame Fragen stellen, Widersprüche aufdecken, so wie im Fall des Ausspruchs des Charles Enderlin: pour moi, l´image correspondait à la réalité de la situation. (8)
Dieudonné soll den französischen Medien nicht zur nächsten Fußangel werden; deshalb verschweigen deren Journalisten den Fall oder zitieren AFP und zeichnen nicht mit Namen. Sie könnten kritisiert oder gar verantwortlich gemacht werden - eine überraschende und beunruhigende Vorstellung für die sich über alle Zweifel erhaben dünkende Gemeinde der Wortklauber und -verdreher.
27. Juni 2008
Quellen
(1) Propos sur la mémoire de la Shoah : condamnation de Dieudonné confirmée
en appel, AFP, ca. 15:00
http://afp.google.com/article/ALeqM5hnk4Q1vDcwMxv6FMmqPqizZ2 zFbg
(2) Pornographie der Erinnerung. Der Humorist Dieudonné geht zum Gegenangriff über. 21. Februar 2005
http://www.eussner.net/artikel_2005-02-21_01-01-24.html
Dieudonné und das Dîner des CRIF. 24. Februar 2005
http://www.eussner.net/artikel_2005-02-24_16-23-00.html
(3) Google. Résultats dans l´Actualité. Résultats 1 - 5 sur 5 articles apparentés.
Street Reporters, 19:10 Uhr, erscheint erst gegen 22 Uhr auf Google Actualités.
http://tinyurl.com/5htcch
(4) Dieudonné sur la scène... judiciaire. Par Simon Vallois, Journal du Dimanche,
26 juin 2008
http://tinyurl.com/5f3ob2
(5) Der Appell für Charles Enderlin. 26. Juni 2008
http://www.eussner.net/artikel_2008-06-23_00-13-05.html
(6) Le procès de Dieudonné pour conduite sans permis renvoyé au 7 novembre. AFP, Le Monde, 27. Juni 2008
http://www.lemonde.fr/web/depeches/0,14-0,39-36003672@7-37,0 .html
(7) Calamistas. Die Flache Erde
http://calamitas-bystander.blogspot.com/
(8) Lettre du Collectif Paix et Vérité n° 8 10 février 2005. Debriefing.org
http://www.debriefing.org/15088.html