
Jacques Chirac gönnt sich eine Stiftung
Am 10. Juni 2008 ist die Zeremonie der Stiftungsgründung des Alt-Präsidenten Jacques Chirac im Figaro, auf der Seite 3, ganzseitig Thema. Stiftung Chirac: ein Gast namens Sarkozy. Wie staune ich, daß der Artikel nur für Abonnenten zugänglich ist, es tut mir leid für alle, die nun nicht teilhaben können an der Berichterstattung des Figaro über die Gestaltung der Freizeit des Pensionärs Jacques Chirac. (1)
Ein Foto der beiden Händeschüttler, Jacques Chirac stirnrunzelnd in die Ferne und Nicolas Sarkozy amüsiert grinsend auf den Boden vor ihm blickend, reichert den Text an: Nach einem Mittagessen am letzten Donnerstag, das ihnen gestattet hat, wieder Kontakt miteinander aufzunehmen, haben sich die beiden Männer gestern erneut wiedergesehen. Der Präsident macht eine Stippvisite, die keine zehn Minuten dauert, fürs Foto und für Spekulationen aber ist das ausreichend: une visite éclair.
Ich gebe zu, daß mich diese Stiftung "Handeln im Dienste des Friedens" nicht vom Hocker reißt, Deutsche in Deutschland vielleicht erst recht nicht; so google ich lustlos, weil der Fußball-EM 2008 wegen kein Nachmittagskrimi im ZDF ist, und ich finde, daß die MSM sich überschlagen. Der Artikel des Figaro ist nicht im Angebot der Google-Aktualitäten. Die Artikel tragen lustige Überschriften: Jacques Chirac begründet seinen Traum (Dauphiné Libéré), Kouchner und die "beautiful people" (L´Express), Chirac organisiert seine Pensionärszeit (NouvelObs).
Der Express weist anläßlich der Zeremonie am Quai Branly hin auf einen Artikel vom 10. März 2008: Was ist die Chirac-Stiftung? (2)
Es sträuben sich einem alle Haare: Nachhaltige Entwicklung, Gesundheit und Dialog der Kulturen stehen auf dem Programm des Bewunderers afrikanischer und asiatischer Kunst; noch ein Retter der Umwelt und der Afrikaner vor AIDS, noch ein Dialogpartner institutionalisiert sein Treiben. Koofmich Annan hilft ihm, das bei der Erföffnungszeremonie angemessen der Öffentlichkeit zu vermitteln, ein vom Sessel zu ihm aufschauender Alt-Präsident feixt dazu. Der Dauphiné Libéré dokumentiert es mit einem Foto. (3)
Bernard Kouchner gibt sich begeistert von den zur Gründungszeremonie anwesenden 300 bis 400 Gästen, die Kofi Annan laut Libération seinerseits als sehr viele "ex" apostrophiert. Das Programm zur Beschaffung von kostenlosen Reisegelegenheiten und zur Anbahnung und Verfolgung von Privatgeschäften für ausgediente internationale Funktionäre und französische Beamte kann anlaufen. Marie-Hélène Bérard, Fachfrau für Investitionen in Mittel- und Osteuropa sowie in Rußland und den ehemaligen Sowjetrepubliken, eine ehemalige Beraterin des Premierministers Jacques Chirac, 1986 bis 1988, von ihm ausgezeichnet mit dem Orden eines Kommandeurs der Légion d´honneur, wird die Stiftungsgelder schon gerecht verteilen. Unter den Gästen sieht man die ehemalige Premierministerin Edith Cresson, die Witwe von Raymond Barre und den aus dem Clearstream-Skandal bekannten Jean-Louis Gergorin; Jacques Chirac läßt ihn nicht verkommen - und jener nicht diesen. (4)
Jean-Louis Gergorin ist seit 1984 enger Mitarbeiter des Jean-Luc Lagardère und seit dem Jahr 2000 bis zum 10. Mai 2006 geschäftsführender Vizepräsident für strategische Koordination und Mitglied des Exekutivrates des Konzerns EADS; er ist der Vertraute und Freund des damaligen Außenministers Dominique de Villepin. Im April 2004 befördert Dominique de Villepin ihn in seinem Büro zum Offizier des Ordre national du Mérite. Zum Dank erklärt Jean-Louis Gergorin im Zuge der Anhörungen zum Clearstream-Skandal, daß er allein auf Anordnung des Dominique de Villepin tätig geworden sei. Weitere Einzelheiten kann man nachlesen in meinem Artikel Clearstream: der klare Strom spült Jacques Chirac und Dominique de Villepin hinweg. (5)
Angesagt ist die Schaffung einer audiovisuellen Datenbank zur Rettung von Dialekten und lebenden Sprachen, die vom Aussterben bedroht sind; dazu muß Jacques Chirac als erstes nach Japan und nach China reisen. Die Sprachen dieser beiden Länder stehen dringend zur Rettung an. Jetzt wird´s endlich spannend!
In Japan hat der 75-jährige Jacques Chirac einen inzwischen 22-jährigen außerehelichen Sohn mit einer charmanten japanischen Dolmetscherin. Das Forum de dialogue franco-japonais, ein Debattierclub zur Stärkung der bilateralen Beziehungen und der Rolle, die beide Länder bei internationalen Fragen spielen, wird 1996 eigens gegründet; ob es mit öffentlichen Geldern finanziert wird, hat der Investigateur nicht herausgefunden, es ist aber anzunehmen. 55 Dienstreisen macht Jacques Chirac bis zum Jahr 2003 nach Japan. (6)
Nun wird er weiter, jetzt auf Kosten der Stiftungsgönner, seinen Sohn besuchen können; in Frankreich drohen ihm derweil Gerichtsverfahren politisch-finanzieller Geschäfte wegen, die er vor 1995, vor seiner Wahl zum Präsidenten Frankreichs, tätigt, als er Bürgermeister von Paris ist, außerdem wird er in Zusammenhang gebracht mit dem Mord in Tahiti, im Jahr 1997, an Jean-Pascal Couraud, genannt JPK, einem Investigationsjournalisten, der sich für ein von den französischen Geheimdiensten entdecktes Konto des Jacques Chirac bei der Tokyo Sowa Bank interessiert. (7)
Der Leiter des Postens des Geheimdienstes DGSE in Tokio berichtet am 11. November 1996 nach Paris von der Existenz eines auf den Namen des Jacques Chirac eröffneten Kontos in Höhe von 300 Millionen Franc, heute 45 Millionen Euro. Notizen des Generals Philippe Rondot, die im Zusammenhang mit dem Clearstream-Skandal bekannt werden, decken auf, daß dieses Konto im Jahr 1992 eröffnet worden ist, da ist sein Sohn 6 Jahre alt und braucht ´ne Schultüte mit Süßigkeiten. Am 19. Juni 2007 bezeugt Jean-Dominique des Arcis, der Anwalt des ermordeten Journalisten, daß dieser im Besitz eines Exemplares der Aufzeichnungen des Philippe Rondot gewesen sei, aber der alte General, widerruft inzwischen alles, und Notizen hat er sich angeblich auch nie gemacht. (8)
Soweit zu einem Stifter.
Die Fondation Chirac ist im Journal officiel, vom 9. März 2008, als gemeinnütziger Verein eingetragen, was ihr gestattet, private Spenden von Unternehmen und/oder Privatpersonen entgegenzunehmen. (9)
Der ehemalige Präsident des Internationalen Währungsfonds Michel Camdessus, ein Vorgänger des Dominique Strauss-Kahn und des heutigen Bundespräsidenten Horst Köhler, hat zur Stiftungsgründung beigetragen; er wird Mitglied des Verwaltungsrates der Stiftung. Es gibt ein Ehrenkomitee mit ehemaligen Regierungschefs, sowie mit dem ehemaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan, der Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchu und dem Gründer der Grameen Bank und ebenfalls Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus und anderen.
Der alte Freund Federico Mayor, ex-Generaldirektor 1987 bis 1999 der UNESCO, ist mit von der Partie. Meine Leser haben ihn kennengelernt als Fürsprecher der von Israel unterdrückten Palästinenser und der von den USA gequälten Iraker. Er ist Autor des Appells "Halt der Schlächterei im Irak und in Palästina", Unterzeichner sind u.a. der ehemalige Präsident Portugals Mario Soares, Edgar Morin, Autor des Artikels Israël-Palestine: le cancer, Israel-Palästina: das Krebsgeschwür, sowie die ATTAC-Vizepräsidentin Susan George: Im Angesicht der alarmierenden und skandalösen Entwicklung der internationalen Situation, besonders vor der Zunahme der Konflikte im Irak und in Palästina und den mörderischen Angriffen gegen die Zivilbevölkerung verfaßt er diesen Appell. Es sind dabei nicht die Angriffe der arabischen Terrorbanden von Fatah und Hamas und deren Untergruppen gegen die israelische Zivilbevölkerung gemeint, sondern die Operationen des israelischen Militärs dagegen. (10)
Nicolas Sarkozy findet während seines Kurzbesuches am Quai Branly Zeit genug, die Aktivitäten des Jacques Chirac zur Unterstützung des Libanon zu würdigen. Was davon zu halten ist, weiß Georges Corm, der ehemalige libanesische Finanzminister 1998 bis 2000. Er berichtet über die Tätigkeit des am 14. Februar 2005 in Beirut ermordeten ehemaligen Premierministers bis 2004, Rafiq Hariri, Intimfreund des saudischen Königshauses und des Jacques Chirac: Die Schulden des Libanon resultieren aus der von Rafiq Hariri, Premierminister von 1992 bis 1998 und von 2000 bis 2004, unternommenen wahnwitzigen Wiederaufbaupolitik. Unter seiner Verwaltung steigt die Staatsverschuldung von 2 Milliarden auf 37 Milliarden Dollar für Wiederaufbauprojekte, die 7 Milliarden Dollar nicht übersteigen. (11)
Überraschungsgäste zur Eröffnungszeremonie sind, so berichtet Le Figaro, der Humorist Jamel Debbouze und seine Frau Mélissa Theuriau, Journalistin beim Privatsender M6. Er will die Stiftung finanziell unterstützen und sitzt in der ersten Reihe neben dem drittreichsten Mann Frankreichs, dem Unternehmer François Pinault. Jamal Debbouze ist, bis es ihm gar zu arg wird, Freund des Antisemiten Dieudonné, den er im Dezember 2004 im Pariser Konzertsaal Zenith öffentlich unterstützt. (12)
Jacques Chirac setzt Maßstäbe. Er will nichts mehr und nichts weniger als"un mode nouveau de gouvernance mondiale", eine neue Art der Regierung der Welt, eine Weltgesellschaft der Gerechtigkeit und des Friedens. Die Libération vereinnahmt ihn daraufhin als Altermondialiste, als Globalisierungsgegner. Der Mensch, seine Freiheit, seine Forderung nach Gerechtigkeit statt die Wirtschaft müßten im Mittelpunkt stehen: "Wir müssen fortschreiten zu einer Revolution unserer Art zu denken und zu handeln, zu einer Revolution unserer Art zu leben." 300 bis 400 hochkarätige "ex" und noch im Berufsleben stehende VIP hören sich diesen Unsinn von einem 75-jährigen abgehalfterten Politiker an, der das bereits ähnlich auf dem Weltgipfel in Johannesburg, im September 2002, verkündet. Als eine Maßnahme schlägt er vor, Steuer auf Flugscheine zu erheben, um Unitaid, den Fonds zum Kauf von Medikamenten damit finanziell zu unterstützen. Das ist eine gute Idee, denn er selbst fliegt ja demnächst auf Stiftungskosten, ihn würde es nichts kosten, wohl aber die reisende Bevölkerung Frankreichs.
Die vollständige Rede zur offiziellen Eröffnung der Fondation Chirac, vom 9. Juni 2008, kann man auf der Site Jacques Chirac. La Fondation finden. Er spricht alles an, was er in zwei Amtszeiten als Staatspräsident nicht angepackt und nicht reformiert hat; jetzt will er es mit seiner Stiftung richten. Am 7. Mai 2008 sagt Nicolas Sarkozy vor den Abgeordneten der UMP bissig über ihn, er habe sich damit begnügt, eineinhalb Reformen durchzuführen. Ich wüßte gern, welches die ganze und welches die halbe ist.
Jetzt jedenfalls will er sich für den Respekt vor und der Verteidigung der Verschiedenheit der Kulturen einsetzen. Das wird die fundamentalistischen Muslime in Frankreich besonders freuen. Im ehemaligen Präsidenten finden sie einen Fürsprecher für ihre mittelalterlichen Vorstellungen von der Gesellschaft. Unser Planet ist einer und überall verschieden. Wer hätte es gewußt?
Meine Überzeugung ist, daß jedes Volk der Welt eine einzigartige Nachricht zu übermitteln hat. Jedes Volk kann die Menschheit bereichern, in dem es seinen Teil an Schönheit, an Schöpfung, an Wahrheit beiträgt. Die Aufmerksamkeit auf die kulturelle Verschiedenheit, das ist der Preis, der an die Einzigartigkeit der gesamten Schöpfung gegeben ist, das ist der wiedergefundene Geschmack der Dinge, das ist die Ablehnung eines Standards, der ein nur rationales und vollkommen aseptisches Universum bauen würde ...
Das hören sich 300 bis 400 VIPs, noch-VIPs und ex-VIPs an: Gegen die Massenzivilisation der Rüben, zitiert er Claude Lévy-Strauss. Alle Welt fordert er auf, wie die versammelten Gäste sich zu mobilisieren für die gute Sache, für die zu schaffende Weltgesellschaft der Gerechtigkeit und des Friedens. Da kann ich mich nur mit Grauen abwenden und weglaufen. Die Grenzüberschreiter, die Weltverbesserer, sie sitzen überall, bei der Grünen Jugend und beim hohen Alter. Sie wollen, daß an ihrem Wesen die Welt genese, aber genesen, das ist nur für sie, die von ihnen ins Visier genommenen, die betreuten, diejenigen, denen sie helfen und die sie erziehen wollen, sie zahlen die Zeche.
12. Juni 2008
Quellen
(1) Fondation Chirac : un invité nommé Sarkozy. Par Philippe Goulliaud et Bruno Jeudy, Le Figaro, 10 juin 2008, p. 3
http://lequotidien.lefigaro.fr/epaper/viewer.aspx
(2) Qu´est-ce que la Fondation Chirac? Par LExpress.fr, 10 mars 2008
http://tinyurl.com/56gdvd
(3) FONDATION. Musée du Quai Branly : Jacques Chirac fonde son rêve. Par la rédaction du DL, 10 juin 2008
http://tinyurl.com/6xc97z
(4) Kouchner et les "beautiful people". Par Eric Chol, L´Express, 11 juin 2008
http://tinyurl.com/5ddg6v
(5) Clearstream: der klare Strom spült Jacques Chirac und Dominique de Villepin hinweg. 3. Mai 2006
http://www.eussner.net/artikel_2006-05-03_01-23-58.html
(6) Le fils caché de Jacques Chirac. Il a 17 ans et il vit au Japon, L´investigateur, mai 2003
http://www.investigateur.info/zines/textes/166_fils.html
Forum de dialogue franco-japonais. Ambassade du Japon en France
http://www.fr.emb-japan.go.jp/act/echange/04_00315_forum.htm l
(7) JPK et le compte japonais. Site Pour Jean-Pascal
http://www.soutienjpk.org/communique_compte_japonais.pdf
"Compte japonais" de Jacques Chirac : perquisition à la DGSE. Par Gérard Davet, Le Monde, 6 juin 2008
http://tinyurl.com/5p83xr
(8) Compte japonais de Chirac : Rondot dément. Par Reuters, NouvelObs.com,
10 mai 2006
http://tinyurl.com/3q7unr
(9) Jacques Chirac. La Fondation
http://www.jacqueschirac.fr/la-fondation/
(10) Halte au carnage en Irak et en Palestine ! UBUNTU, 21 mai 2004
http://www.ubuntu.upc.edu/index.php?lg=fra&pg=2&ncom=14
Der Antisemitismus in Frankreich: ein Krebsgeschwür. 1. Juli 2005
http://www.eussner.net/artikel_2005-07-01_13-45-34.html
(11) Interview de Georges Corm, ancien ministre des Finances libanais. "Avec Hariri, Beyrouth, c´était Dallas-sur-Mer". Propos recueillis par Marianne Dautrey. Charlie Hebdo no 740, 23 août 2006, page 5
Une conséquence de 1918. Le bourbier oriental. Par Georges Fettin-Tracol, EuropeMaxima, 28 octobre 2006
http://www.europemaxima.com/spip.php?article211
Rafiq Hariri, Jacques Chirac, der Libanonkrieg und die Satirezeitung "Charlie Hebdo". 26. August 2006
http://www.eussner.net/artikel_2006-08-26_18-54-43.html
(12) Jamel Debbouze soutient Dieudonné au Zénith. Video, Dailymotion,
decembre 2004
http://tinyurl.com/4kr7su
Pornographie der Erinnerung. Der Humorist Dieudonné geht zum Gegenangriff über. 21. Februar 2005
http://www.eussner.net/artikel_2005-02-21_01-01-24.html