
Der sozialistische Journalist
Der Chefkolumnist und Leitartikler der israelischen Tageszeitung Haaretz Akiva Eldar teilt den Lesern der Zeitschrift The Nation am 14. Mai 2008 mit, daß der berühmte israelische Kolumnist Nahum Barnea im November 2000 geschrieben habe, daß es israelische Journalisten gebe, die den "Lynchtest" nicht bestünden. Eine knappe Woche vorher, zum 60. Jahrestag der Gründung des Staates Israel bekommt Avi Shlaim, ein eben solcher Journalist wie Akiva Eldar, dort ein Forum, um über einen düsteren Geburtstag zu schreiben: Nach sechzig Jahren ist Israel noch nicht dahin gelangt, seine Sünden (sic!) gegen die Palästinenser einzuschätzen, eine Anerkennung, daß es bei den Palästinensern in der Schuld steht, die irgendwann einmal zurückgezahlt werden muß. (1)
Der Lynchtest, diese Regel bei Gericht, Lynch, 45 Ill. App. 3d at 748, sieht vor, daß Kläger gegen die Verletzung von Statuten nur sein kann, wer zu einer Gruppe gehört, zu deren Schutz oder Nutzen das Statut erlassen worden ist, und gegenüber dem eine Verpflichtung zu seiner Einhaltung besteht. In der Umgangsprache hieße das etwa: Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten, mind your own business, ça ne te regarde pas ! (2)
Es gebe israelische Journalisten, die nicht dazu bereit seien, Araber zu kritisieren. Selbst wenn eben zwei Israelis auf bestialische Weise von einem Mob in Ramallah ermordet worden seien, führen sie fort zu argumentieren, daß ihre Unterstützung für die palästinensische Position unverbrüchlich sei, sie hätten eine Berufung: "They have a mission." Nahum Barnea bezieht sich auf den Lynchmord an den beiden israelischen Soldaten Vadim Nourezitz und Yosef Avrahami. (3)
Akiva Eldar erklärt, er sei geehrt gewesen, daß er gemeinsam mit Gideon Levy und Amira Hass von Nahum Barnea zu solchen Journalisten gezählt werde. Ich gestehe, daß ich im Sinne der Anklage schuldig bin. Ich bin ein Journalist mit einer Berufung und mit einem nicht geringen Maß an Leidenschaft. Für solche Prinzipienfestigkeit zählt ihn die Financial Times, im Mai 2006, zu den prominentesten und einflußreichsten Kommentatoren der Welt. (4)
Wo schreibt Nahum Barnea diese Kritik? Laut Auskunft von Akiva Eldar in a publication of the Israel Democracy Institute, in einer Publikation des Israel Democracy Institute. Die Folge dieser mangelnden Präzision ist, daß man glauben kann oder auch nicht, daß es Nahum Barnea so geschrieben hat; es ist nicht nachzuvollziehen, welcher Kontext und welche weitere Kritik dort zu finden ist. Akiva Eldar hält seine Leser von der Lektüre des Nahum Barnea fern, so daß sie sich mit seiner Nachricht begnügen müssen; die allein gelangt an die Leser, das ist seine "mission". Er bringt aber wenigstens die Quelle allgemein, vielleicht kann einer, der mehr wissen will, als ihm Akiva Eldar zubilligt, auf der Site des Israel Democracy Institute nach längerem Suchen etwas finden - etwa im Seventh Eye Journal? (5)
Diese Möglichkeit läßt der Blogger nicht offen, der neulich eine Information von mir würdigt: Dank an GE für den Hinweis, und meine Site weder nennt noch gar verlinkt. Die interessante Information wird an die Leser gebracht, die Informantin tut nichts zur Sache. Da der Blogger aber gern von den Informationen der GE zehrt, wird ihr ein wenig zugewinkt. Die Herrschaft über die Nachricht liegt beim Blogger, der auch eine "mission" hat, nämlich den Kreis der Auserwählten klein zu halten. Zu vergleichen ist diese Methode der selektiven Nachrichtengebung mit der Verbreitung des Gedichtes von Heinrich Heine "Die Lorelei", im Dritten Reich; der jüdische Autor wird nicht genannt: Unbekannter Dichter, oder mit den Gebrüdern Wolf alias Isaac Isaac. Die Gestapo verbietet ihnen eines ihrer eigenen Lieder, "Snuten und Poten", vorzutragen, da es zum "nationalen, deutschen Eigentum" erklärt worden ist. Beispiele aus dem kommunistischen Machtbereich sind die aus Fotos und Filmen herausgeschnittenen in Ungnade gefallenen Genossen, wie Leon Trotzki, den Sergej M. Eisenstein aus dem Film "Oktober. Zehn Tage die die Welt erschütterten" entfernen muß, wodurch der Film nicht rechtzeitig zur Zehnjahresfeier fertig wird. In allen Fällen handelt es sich um Selektion, um die bewußte Vernichtung unliebsamer Tatsachen. (6)
Pech nur für den israelischen Journalismus, daß Eldars Berufung, was die Objektivität angeht, nicht in Einklang ist mit dem Ethikcode des Israelischen Presserates, meint der Blogger von Snapshot. (7)
Obgleich es bekannt sei, daß Ha´aretz bewußt nur diejenigen Nachrichten bringe, die mit ihren ideologischen Zielen übereinstimmen, und diejenigen verharmlose, die ihnen entgegen stehen, sei das doch ein erstaunliches Eingeständnis eines Nachrichtenreporters, meint der Blogger Elder of Ziyon. (8)
Da hat er nicht an Charles Enderlin gedacht, der seine ideologische Überzeugung zum Maßstab der Berichterstattung erhebt und nicht die Tatsachen, was im Falle des angeblichen Mordes an Mohammed al-Dura durch israelische Grenzposten in der Al-Aqsa Intifada für Juden und Araber zum tödlichen Verhängnis wird. Charles Enderlin, der nicht am Ort des Geschehens weilt, sondern in seinem Büro in Ramallah, sagt in seiner Reportage, daß die Kugeln vom israelischen Standort kamen, weil für mich dieses Bild der Wirklichkeit der Lage nicht nur in Gaza, sondern auch in Cisjordanien entsprach. (9)
Woher nehmen die von Nahum Barnea genannten israelischen und viele andere Journalisten weltweit das Recht, Tatsachen zu verbiegen, zu verschweigen und/oder zu erfinden? Warum werden sie nicht schamrot, wenn sie lügen und betrügen - was sie übrigens kompatibel macht mit den Vertretern der Politideologie Islam, die solches Taqiyya nennt?
Sie alle stützen sich auf die Ideologie des Sozialismus. Diese Journalisten kommen aus den verschiedensten K-Gruppen, sie sind Anhänger Stalins, Maos und/oder Pol Pots gewesen, oder sie sind´s gar noch heute. Die Weltrevolution steht nicht mehr auf dem Panier, aber über die Jahre ist ihnen ihre "Mission" eingeimpft worden, sie sind gehirngewaschen. Das Bild des sozialistischen Journalisten in der DDR ist aufschlußreich für die Einschätzung der Rolle heutiger linker Journalisten. Sie sitzen überall in den Redaktionen der Welt, die Erben des dahingeschiedenen sozialistischen Systems, welcher Ausprägung auch immer. Sie alle haben von Wladimir I. Lenin und Josef Stalin gelernt.
Der sozialistische Journalist in DDR der 50er und 60er Jahre
Der sozialistische Journalist soll nicht nur Talent und Intelligenz besitzen, sondern auch moralische Eigenschaften und ideologische Reife aufweisen. Zeitungs- und Funkjournalisten werden als gesellschaftliche Arbeiter aufgefaßt, ihre Aufgabe ist, das sozialistische Weltbild mit Hilfe von Massennachrichtenmitteln zu formen. (10)
Als beispielhaft wird dem sozialistischen Journalisten der DDR die Tätigkeit des kommunistischen Redakteurs der Vergangenheit dargestellt: nicht ein Beruf wie jeder andere, sondern eine Berufung war der Eintritt in die Redaktion eines Parteiblattes; zur täglichen Aufgabe der kommunistischen Redakteure gehörte der kompromißlose Kampf gegen alle revisionistischen, liquidatorischen und sektiererischen Strömungen in der Arbeiterbewegung; die Bewältigung dieser Aufgabe habe den Grundstein zur unerschütterlichen felsenfesten politischen Überzeugung von der Gesetzmäßigkeit des Sieges des Sozialismus gelegt. (11)
Noch 1959, auf der 3. Pressekonferenz der SED, wurde heftige Kritik geübt an den damals noch weit verbreiteten Tendenzen des Nur-Journalismus, vertreten durch all diejenigen Journalisten, die, einer ideologischen Bewährungsprobe enthoben, als Mitläufer der etablierten Macht arbeiten konnten. (12)
Die sechs Maximen journalistischer Meisterschaft sind nach Prof. Dr. Hermann Budzislawski: (13)
Der sozialistische Journalist ist ein prinzipienfester Funktionär.
Der sozialistische Journalist besitzt Ideenreichtum.
Der sozialistische Journalist ringt um literarische Meisterschaft.
Der sozialistische Journalist arbeitet wissenschaftlich.
Der sozialistische Journalist arbeitet massenverbunden.
Der sozialistische Journalist ist charakterfest und liebt seinen Beruf.
Aufgabe des sozialistischen Journalisten ist es, Pädagoge des ganzen Volkes, ein Erzieher der Massen im revolutionären Geiste zu sein, den Menschen von seinem individualistischen Standpunkt in der Betrachtung des Lebens zu einer kollektiven Betrachtungsweise gelangen zu lassen. (14)
Dem sozialistischen Journalisten ist jeglicher Individualismus fremd, er arbeitet im Schutze des Kollektivs, das ihn, wenn nötig, vor Entgleisungen und falschen Einschätzungen bewahrt, er achtet seinen Rat und seine Kritik, er fühlt sich als Teil des großen Kollektivs des Volkes und insbesondere der Arbeiterklasse. (15)
Es lohnt sich, diese Lehren mit den Artikeln des Hamas Covenant abzugleichen; die Ähnlichkeiten sind nicht zufällig. Im Artikel 24 beispielsweise macht die Hamas deutlich, daß sie die Hoheit über die Wahrheit besitzt. Ansichten und Verhalten von Gruppen und einzelnen über den Weg zum Sieg beurteilt die Hamas: Wann immer solche Standpunkte irrig sind, behält sich die Islamische Widerstandbewegung (Hamas) das Recht vor, den Irrtum darzulegen und vor ihm zu warnen. Sie wird bestrebt sein, den richtigen Weg aufzuzeigen und den fraglichen Fall objektiv (sic!) zu beurteilen. Kluges Verhalten ist in der Tat das Ziel des Gläubigen, der dem folgt, wo immer er ihn (den Irrtum) erkennt. (16)
Publizisten und Journalisten mit "Mission" sehen sich ebenfalls verpflichtet, die Irrenden auf den rechten Pfad zu führen. Wenn sie dazu mangels Macht nicht in der Lage sind, werden die vom Wege abgekommenen aus der Kommunikation ausgeschlossen, ihre Äußerungen werden entweder unterdrückt oder diffamiert. Ganze Blogs sind eigens dazu eingerichtet worden, "den fraglichen Fall objektiv zu beurteilen".
Es besteht eine Affinität der linksradikalen Journalisten zum Islam, welcher Variante auch immer; sie treffen auf bekannte Strukturen des Kollektivs, im Islam Ummah genannt: die Aufforderung ihre Individualität zurückzunehmen und sich zu unterwerfen, die Selbstverständlichkeit, einer Ideologie mit höherer Moral zu folgen, im konkreten Sinne des Wortes berufen zu sein, die Verpflichtung zu missionieren und dazu die Massennachrichtenmittel gezielt einzusetzen. Es ist weder bei den Linksradikalen noch bei den fundamentalistischen Muslimen angesagt, den Lesern, Hörern und Zuschauern nach besten Möglichkeiten unverfälschte Nachrichten zu liefern, damit sich das Publikum eine eigene Meinung bilden kann, sondern die Nachrichtengebung steht im Dienst der Ideologie. Das ist so selbstverständlich, daß es Charles Enderlin, Akiva Eldar, Gideon Levy, Amira Hass, Avi Shlaim, Ilan Pappe, Sylvain Cypel und wie sie alle heißen mögen, gar nicht auffällt. Wahr ist eine Nachricht, wenn sie der Sache dient. Es wird leider so sein, daß diese linksradikalen Liebediener eines Tages merken werden, daß sie der Sache des Islams nicht mehr dienen, dann wird man Anschuldigungen gegen sie erfinden, sie werden mit ihren eigenen Waffen geschlagen, und sie enden wie Noureddin Kianouri. (17)
28. Mai 2008 - Ergänzung im Bereich der Anmerkung 16
Quellen
(1) A somber Anniversary. By Avi Shlaim, The Nation, May 8, 2008
http://www.thenation.com/doc/20080526/shlaim
(2) Analysis. Lynch Test. JOSEPH M. GLISSON, Appellee, v. THE CITY OF MARION et al., Appellants. Opinion filed October 21, 1999
http://bulk.resource.org/courts.gov/states/Ill/86160.htm
(3) Ramallah Lynching. Vadim Nourezitz and Yosef Avrahami rest in peace
http://inhonor.net/ramlah/
Lynching of two Israeli Soldiers at Ramallah, October 12, 2000
http://www.geocities.com/CapitolHill/2527/press104.htm
(4) On Not Passing Israel´s ´Lynch Test´. By Akiva Eldar. The Nation,
May 14, 2008
http://www.thenation.com/doc/20080526/eldar
(5) The Seventh Eye Journal. The Israel Democracy Institute
http://tinyurl.com/49rfu3
(6) Loreley im Dritten Reich. de.rec.buecher
http://tinyurl.com/426svh
Musik Antik - Startseite. Dort bitte klicken auf "CDs" und unten, rechts, "Im Himmel ist´s herrlich" der Gebrüder Wolf finden, anklicken und "Booklet" anklicken. Schon gefunden! "Snuten und Poten" und die Folgen: "Im Himmel ist´s herrlich!"
http://www.musik-antik-records.de/
An der Eck steiht´n Jung mit´n Tüdelband. 16. Januar 2005
http://www.eussner.net/fundsachen_2005-02-12_20-27-55.html
Oktober / Zehn Tage, die die Welt erschütterten. Drehbuch und Regie:
Sergej M. Eisenstein, UdSSR 1927
http://www.uni-klu.ac.at/fai/short.php3?ID=3902
(7) Akiva Eldar: Proud Not to Be Objective. Snapshots, May 26, 2008
http://blog.camera.org/archives/2008/05/akiva_eldar_proud_no t_to_be_ob.html
(8) Ha´aretz reporter brags of his lack of objectivity. Posted by Elder of Ziyon,
May 14, 2008
http://tinyurl.com/6xeljs
(9) Non à la censure à la source. Par Charles Enderlin, Le Figaro, 27 janvier 2005
http://www.shalomarchav.be/imprimer.php3?id_article=978
(10) Hermann Budzislawski: Zur Verbesserung des Studienganges und des Studienplans an der Fakultät für Journalistik. In: Neue Deutsche Presse (NDP), Beilage zu Heft 3/März 1957, S. 6 und 11
Hermann Budzislawski. Wikipedia
http://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Budzislawski
(11) Paul Böttcher: Gibt es für uns Journalisten besondere Moral und Ethik?
In: NDP, Heft 2/Februar 1959, S. 14 f.
Paul Böttcher. Wikipedia
http://de.wikipedia.org/wiki/Paul_B%C3%B6ttcher
(12) Ideologische Waffen für Frieden und Sozialismus. Aus der Rede Prof. Albert Nordens auf der 4. Journalisten-Konferenz des ZK der SED, 11. - 12. Dezember 1964. In: NDP, Heft 1/Januar 1965, S. 2 ff.
Albert Norden. DDR-Lexikon
http://www.ddr-wissen.de/wiki/ddr.pl?Albert_Norden
(13) Hermann Budzislawski: Sozialistische Journalistik, Leipzig 1966, S. 26-40
(14) Hermann Budzislawski, a.a.O., S. 19
Horst Sindermann: Aufgaben der Wirtschaftsjournalisten.
In: NDP, Heft 2/Februar 1958, S. 12 f.
Horst Sindermann. Wikipedia
http://de.wikipedia.org/wiki/Horst_Sindermann
(15) Hermann Budzislawski, a.a.O., S. 38
(16) The Covenant of the Islamic Resistance Movement, August 18, 1988
http://www.yale.edu/lawweb/avalon/mideast/hamas.htm
(17) Death of Noureddin Kianouri. Statement of the CC of the Tudeh Party of Iran, November 6, 1999. Al-Guardian, November 17, 1999
http://www.cpa.org.au/garchve1/980iran.html