
Frankreich. Georges Frêche: "Der Le Pen der Linken"
Am 25. Februar 2010 ist im Verlag Héloïse d´Ormesson Un discours pas très catholique, eine nicht ganz saubere Abhandlung, des Präsidenten der Region Languedoc-Roussillon erschienen. Trêve de balivernes. Pour en finir avec l´hypocrisie. Genug des Unsinns! Schluß machen mit der Heuchelei. (1)
Georges Frêche geht noch einmal ein auf seine Bemerkungen zu den Fußballern, den Harkis und zur "tronche pas catholique" des Laurent Fabius. Im Artikel Der Parti Socialiste will einen Israelfreund fertigmachen habe ich das kommentiert. (2)
Hier die Bedeutung seiner schlimmsten, weil "antisemitischen" Ausrutscher: (3)
- tronche (visage) : Visage voir une sale tronche fies aussehen fam.
- ne pas être [très] catholique personne : etwas zwielichtig [ou undurchsichtig] sein
- ne pas être [très] catholique affaire solution : nicht ganz sauber sein fam
Um den Pariser Parti Socialiste noch mehr aus dem Häuschen zu bringen, hätte Georges Frêche statt von einer tronche pas catholique auch von einer tronche pas kasher/cachère sprechen können, von einer nicht ganz koscheren Visage. Dann würden sich noch mehr aufrechte Menschen empören; denn das wäre ja wohl eineindeutig antisemitisch - oder?
koscher = vertrauenswürdig, zuverlässig. Is he kosher? hieß früher: "Ist er Jude?" heute heißt es eher: "Kann ich ihm trauen?" oder "Gehört er dazu?" oder sogar (wie ich einmal im Pentagon hörte): "Hat er die Sicherheitsprüfung für Geheiminformationen?"
Leo Rosten bietet noch: ein orthodoxer Jude; fromm; empfindsam, mitfühlend; liebenswürdig, süß; authentisch, echt; berechtigt, rechtmäßig, legal; von den Vorgesetzten gebilligt; fair, sauber, ethisch einwandfrei, moralisch. Nach Angaben von Eric Partridge wurde das Wort schon 1860 im Londoner East End in diesem Sinne gebraucht. Auch im Deutschen wird das Wort in ähnlicher Weise eingesetzt und 1873 ins Deutsche Wörterbuch der Gebrüder Grimm aufgenommen. (4)
Es ist anzunehmen, daß die Franzosen diesen Ausdruck, den es seit Mitte des 19. Jahrhunderts gibt, auf ihre Verhältnisse übertragen haben. Was bei den Juden nicht koscher, ist bei ihnen pas catholique. Emile Zola benutzt ihn 1878 in seinem Buch L´Assommoir, dort gibt es nuits peu catholiques, moralisch nicht ganz einwandfreie Nächte, wie man bei Georges Frêche lernt (Trêve, p. 117). (5)
Georges Frêche, un Le Pen de gauche
Besonders trifft ihn, daß ihn französische MSM mit Jean-Marie Le Pen vergleichen (Trêve, p. 16). Dieser Vorwurf schafft es im Express des UMP-Senators Serge Dassault in die Überschrift: Frêche, "un Le Pen de gauche", ein Le Pen der Linken. Von zehn Kommentaren, unter ihnen einer (!), von Vincent Peillon, der den Georges Frêche nicht in Grund und Boden verdammt, ist dem Express dieser Vergleich eine Überschrift wert. Wie könnte sich die Verkommenheit der MSM schöner äußern? (6)
Inzwischen bietet Google.fr 44 000 Ergebnisse für Georges Frêche + Le Pen de gauche. Den Links kann man entnehmen, daß die meisten Kommentatoren weder die Politik des Jean-Marie Le Pen noch die des Georges Frêche kennen, nicht davon zu reden, was unter "links" oder "pas catholique" zu verstehen ist. Ein Mob von tobenden Linken und Rechten, angeführt von den nationalen MSM, wirft sich ins Getümmel: Nieder mit ihm! Kreuziget ihn! (7)
Die UMP kämpft mit allen Mitteln, über und unter der Gürtellinie; denn nicht nur die Parteiführung des Parti Socialiste, sondern auch diese rechten Konkurrenten wollen Georges Frêche weghaben, gegen den ihr eigener Kandidat Raymond Couderc verblaßt: Der Abgeordnete von Seine-Saint-Denis Eric Raoult hat erklärt, in Georges Frêche nach dessen Äußerungen gegen den ehemaligen sozialistischen Premierminister Laurent Fabius "einen linken Le Pen entdeckt zu haben". Eric Raoult, der Bürgermeister von Raincy, "Neuf-Trois", ausgerechnet er, der sich einreiht in die Kakophonie der versammelten Unwissenheit über den Islam, als es um ein Gesetz gegen die Burka geht, sieht in Georges Frêche einen Le Pen der Linken. (8)
Georges Frêche: The Le Pen of the left
Wenn man meint, nun wär´s aber gut, dann geht´s erst richtig los, dann schaltet sich der britische Independent ein. Ja, man liest richtig, das Blatt des Robert Fisk mit seinen pro-arabischen, pro-iranischen sowie anti-israelischen und antisemitischen Beiträgen! Man gebe in die Suchfunktion des Independent Israel ein. Die ersten zehn Überschriften lauten so: (9)
- Suri Dekoration, Pawel Wolberg, Israel (Ein Blick auf seine Website lohnt, er ist vor allem unterwegs, die friedlichen Palästinenser und die gewalttätigen Soldaten und Panzer der Israelis in Jenin und Hebron zu fotografieren.) (10)
- Der Sohn eines Hamas-Führers spionierte für Israel
- Israel weigert sich, den Briten bei den Untersuchungen zu den falschen Reisepässen zu helfen
- Israel ´stahl palästinensisches Erbe´
- Gewissenserforschung in Israel zu den ´stümperhaften´ Operationen (Dubais Polizei sagt, sie seien 99%, wenn nicht 100% sicher, daß der Mossad hinter der Exekution von Mahmud Mabhouch steckt.)
- Der Westen dreht an der diplomatischen Schraube - aber Israel weigert sich zusammenzubrechen
- Israel muß zusammenarbeiten in der Angelegenheit der falschen Reisepässe, sagt David Miliband
- Israel schwankt durch die Gegenreaktion zur Tötung des Hamas-Kämpfers
Worum es dem Independent im einzelnen und allgemeinen geht, kann man in den Google.de News The Independent + Israel nachlesen, es geht in jedem Artikel um die Bezichtigung von Israel, gern aufgenommen vom Spiegel, von al-Guardian, dem Journal of Turkish Weekly, der Ma´an News Agency, The Nation, al-Arabiya etc. (11)
Der Artikel des Pariser Korrespondenten John Lichfield verbreitet sich wie ein Lauffeuer, bei Google.fr Web findet man unter Georges Frêche + Le Pen of the left inzwischen 3 940 Links. (12)
Wenn man den Artikel liest, ahnt man nicht, daß es sich beim Autor um einen in Paris ansässigen Journalisten handelt, um einen, der sich in Paris oder gar im Languedoc-Roussillon sachkundig machen könnte bei Gegnern und Fürsprechern des Georges Frêche; denn die gibt´s auch. Es geht nicht um Sachlichkeit, das wäre im Independent ja schließlich das erste Mal, sondern es geht darum, die Destabilisierung und die Verurteilung der Politik, für die Georges Frêche steht, von Frankreich auf die Insel zu tragen und dort publik zu machen. Wie ginge das besser als mit den Waffen der Gegner, mit der Bezichtigung des Antisemitismus.
Für John Lichfield ist es erwiesen, daß Georges Frêche rassisitische Äußerungen getan hat, keine Rede ist davon, daß er im Fall der Fußballer und der Harkis gerichtlich rehabilitiert und im Fall der tronche catholique keine Anklage erhoben worden ist. Er erklärt nicht, daß Georges Frêche seine Äußerungen über die schwarzen Fußballer ergänzt mit den Worten: "Mais là , s´il y en a autant, c´est parce que les blancs sont nuls." Aber das, wenn es so ist, das ist, weil die Weißen Nieten sind. John Lichfield hätte es in mehr als 6000 Google-Einträgen nachlesen und berichten können, aber dann wäre es nichts mehr gewesen mit dem Rassismus gegen Schwarze - und solcher gegen Weiße zählt eh nicht.
Mr. Frêche, Präsident des Languedoc-Roussillon, ist der "Le Pen der Linken" genannt worden. Er ist ein scharf pro-israelischer Politiker, der anscheinend antisemitische Bemerkungen macht. Dem John Lichfield fällt der Widerspruch nicht auf. Dann plaudert er aus dem Leben und Treiben des Regionalpräsidenten, er sei für die Geschäftswelt, ex-Maoist, er wolle in Montpellier ein Lenin-Denkmal aufstellen, als junger Mann habe er bei Straßenkämpfen für die Unabhängigkeit Algeriens mitgewirkt, und nun sei er ein politischer Pate der aus Algerien vertriebenen weißen ex-Kolonialisten, der "Pieds-Noirs". (13)
In diesem Stil geht es weiter, Gerüchte und Meinungen werden gemischt mit Tatsachen, und es muß unverständlich bleiben, warum ein auf einer schattigen Terrasse einer Bar Pastis trinkender griesgrämiger Alter es in 27 Jahren als Bürgermeister von Montpellier geschafft hat, die Stadt in eine der attraktivsten und wirtschaftlich prosperierendsten Frankreichs zu verwandeln, warum diese belästerte, unverstandene oder gehaßte Figur im Süden Frankreichs beliebt ist und den Umfragen nach mit großer Mehrheit wiedergewählt wird.
Dann kommt der Parteiausschluß der 59 Sozialisten auf der Liste des Georges Frêche. Nun hätte man im Artikel, der immerhin zweieinhalb Seiten lang ist, eine Erklärung über die Statuten des Parti Socialiste erwartet, darüber, daß die konkurrierende, angeblich offizielle Liste der Gegenkandidatin Hélène Mandroux nicht wie in Tours, am 12. Dezember 2009, die Liste des Georges Frêche durch den zuständigen Nationalrat bestätigt worden ist, sondern daß in Paris das Nationalbüro, bei den Kommunisten heißt es Politbüro, die neue Liste angeordnet hat. Nur so kann man erklären, warum sämtliche Parteivorsitzenden der fünf Departements, zwei Senatoren, mehrere Bürgermeister und fast alle anderen Kandidaten des Parti Socialiste der neuen Liste nicht gefolgt sind. (14)
Der Ausspruch pas catholique, was eine antisemitische Bemerkung über Laurent Fabius zu sein schien, appeared to be an anti-Semitic remark, sei der Grund, und nun ergänzt er etwas, das ich in den zahlreichen Artikeln noch nicht gesehen habe, tronche heiße nicht nur Visage, sondern the face or nose of Mr. Fabius. Man soll es nicht für möglich halten, wie der Antisemitismus in das Wort hineininterpretiert wird. Ein Blick ins Wörterbuch, und nichts ist mit Nase, mug heißt Visage, Fratze, Fresse, nichts ist mit hooter, Zinken, umgangssprachlich für Nase - und damit Judennase. Auch catholique und pas très catholique werden übersetzt: (a) (fig. humorvoll) orthodox; (b) ungewöhnlich (neutral) hirnrissig, schräg (informell); unorthodox (neutral). Diese Stühle sind nicht sehr orthodox! (neutral), diese Stühle sind ein bißchen schräg! (informell). (15)
- 1 tronche Noun feminine (a) (Slang) mug
- 1 catholique Adjective (a) Catholic; l´Ã©glise ~ the Catholic Church; (b) (fig, humorous) orthodox; pas très ~ unusual (neutral), whacky (Infml), unorthodox (neutral); elles ne sont pas très ~s, ces chaises! these chairs aren´t very orthodox! (neutral), these chairs are a bit whacky! (Infml)
Das aber ficht John Lichfield nicht an, hat er doch eine Mission zu erfüllen, nämlich, den Georges Frêche als den Le Pen of the left zu porträtieren. Er fährt fort: Mr Frêche sagt, daß es eine bekannte Formulierung im französischen Süden sei, "pas très Catholique", das heiße nicht ganz geradeheraus, aufrichtig, freimütig. Das ist unredlich. In dem er Bezug nimmt auf "tronche", das Gesicht oder die Nase von Mr Fabius hat Mr Frêche Nachsicht gezeigt gegenüber gerade dem hinterhältigen, leicht anstößigen Antisemitismus, der noch umgeht im bürgerlichen katholischen Frankreich, im Norden und im Süden.
Wer hätte dem Independent jemals eine solche Einfühlsamkeit bei der Verurteilung des Antisemitismus zugetraut! Mit dem Antisemitismus des New Statesman, des Guardian und des Independent befassen sich heuer Bücher. Antisemitismus befinde sich auf der Grenze zur Ironie, liest man im Independent, der sich auch auskennt mit jüdischem Antisemitismus und dazu gleich verlinkt zum Artikel über Georges Frêche, einen Juden- und Israelfreund.
Welcher Antisemitismus nicht im bürgerlichen katholischen Frankreich, sondern im linksradikalen Independent umgeht, kann man auf Little Green Footballs sehen: Sie mögen sich erinnern, daß der britische Independent im Januar (2003) eine schockierende antisemitische Karikatur von Dave Brown veröffentlicht hat, eine Persiflage auf ein Gemälde von Goya, das Ariel Sharon zeigte, wie er ein palästinensisches Kind aß. Die Karikatur rief weltweite Empörung hervor - aber der Independent erhielt Absolution vom Antisemitismus und die British Press Complaints Commission weigerte sich, sie dafür zu zensieren. Heute (am 10. September 2003) taucht eine Kopie auf einem Poster auf, das in Indien von einer radikalen pro-palästinensischen und pro-kommunistischen Gruppe (sehen Sie die Hammer-und-Sichel Fahne) getragen wurde, die gegen den Besuch von Ariel Sharon in Indien protestierte. (16)
Dieses Blatt maßt sich an, Georges Frêche Antisemitismus und Rassismus vorzuwerfen, und John Lichfield kommt auch auf das Buch, das Georges Frêche veröffentlicht, auf die Ambitionen der Martine Aubry sowie auf den Parteiausschluß der Genossen des Languedoc-Roussillon. (1)
Er weist nicht darauf hin, was es bedeuten würde, wenn die aus der Partei entfernten Mitglieder zwei Jahre ausgeschlossen blieben. Sie könnten sich nicht an der Bestimmung des Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen 2012 beteiligen. Wie man vernimmt, würden sie Dominique Strauss-Kahn oder, wenn der in Washington bleibt, François Hollande unterstützen - jedenfalls nicht Martine Aubry. Der Eigennutz, den Martine Aubry verfolgt, ist ihm kein Thema, von ihrer und ihres Ehemannes Jean-Louis Brochen, des avocat halal, Araber- und Muslimfreundlichkeit, bis hin zur Unterstützung antisemitischer Muslimfunktionäre, erwähnt er nichts. Wie denn auch, das genau ist die politische Linie des Independent. Darum muß Georges Frêche zum Le Pen of the left werden. (17)
Und wer bis hier durchgehalten hat, der bekommt von mir den Link zu Henri Garat, der im Jahr 1931 den üblen Burschen besingt, der keine façons très catholiques hat, kein sehr vertrauenswürdiges Benehmen. (18)
27. Februar 2010
Quellen
(1) Éditions Héloïse d´Ormesson
http://www.editions-heloisedormesson.com/
Montpellier. Frêche dédicace son livre "Trêve de balivernes". Midi Libre,
26 février 2010
http://tinyurl.com/ykvkx5x
(2) Der Parti Socialiste will einen Israelfreund fertigmachen. 29. Januar 2010
http://www.eussner.net/artikel_2010-01-29_20-11-21.html
(3) catholique. Pons.eu. Das Sprachenportal
http://de.pons.eu/dict/search/results/?q=catholique&in=&l=de fr
Pons.eu. Das Sprachenportal
http://de.pons.eu/dict/search/results/?q=tronche&in=&l=defr
(4) Leo Rosten: Jiddisch: Eine kleine Enzyklopädie, dtv, München 2002, S. 324
http://tinyurl.com/4kcvzg
(5) Emile Zola : L´Assommoir, roman, 1878. lisons.info
http://www.lisons.info/L-assommoir-livre-670.php
(6) Frêche, "un Le Pen de gauche". Par Hugo Soutra, L´Express, 28 janvier 2010
http://tinyurl.com/yjajran
(7) Georges Frêche + Le Pen de gauche. Google.fr
http://tinyurl.com/ylex8gh
(8) Frankreich. Tariq Ramadan als Experte für ein Anti-Burka-Gesetz.
26. November 2009
http://www.eussner.net/artikel_2009-11-26_23-18-53.html
(9) Israel. The Independent
http://www.independent.co.uk/search/index.jsp?eceExpr=israel
(10) Pawel Wolberg
http://www.pavelwolberg.com/
(11) The Independent + Israel. Google.de News 248 Ergebnisse
http://tinyurl.com/yzlwrrf
(12) Georges Frêche + Le Pen of the left
http://tinyurl.com/yjc9rw9
(13) Frêche veut élever une statue de Lénine à Montpellier. Par Claude Belmont,
Le Figaro, 17 janvier 2008
http://tinyurl.com/2evqzo
(14) Statuts du Parti socialiste. Mis à jour après le Congrès du Mans
http://www.parti-socialiste.fr/sites/ps/files/articles/docum ents/Statuts_complet.pdf
(15) French-English search results
http://www.french-linguistics.co.uk/dictionary/
(16) Independent´s Antisemitism Turns Up in India. Little Green Footballs,
September 10, 2003
http://tinyurl.com/yk98pug
The Independent + Antisemitism bei Google.de
http://tinyurl.com/yhml5qh
(17) Georges Frêche: The Le Pen of the left. By John Lichfield, The Independent,
February 25, 2010
http://tinyurl.com/yl82ulq
(18) Henri Garat - C´est un mauvais garçon (1931). Video. YouTube
http://www.youtube.com/watch?v=Am9xDJgzvHo
C´est un mauvais garçon. LyricsCopy
http://fr.lyrics-copy.com/henri-garat/cest-un-mauvais-garcon .htm
Siehe auch, in meinem Archiv:
Georges Frêche
http://tinyurl.com/ydmbydc
Martine Aubry
http://tinyurl.com/yhtrmw8
Arnaud de Montebourg
http://tinyurl.com/yauc6ce
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