
Der Schüler von Meyzieu als Opfer der Verhältnisse in den USA
Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen! Wenn einer wieder zu Hause ist, geht der Stoff nicht aus. (1)
Der Figaro verpaßt keine Gelegenheit, die USA mit Dreck zu bewerfen, und sei der Fall noch so weit hergeholt.
Am 5. April 2008 berichtet Arnand La Grange, daß im Golf von Aden, zwischen den Küsten Somalias und des Jemen, "Le Ponant", ein Segelschiff der französischen Marine, ein 88 Meter langer Dreimaster moderne & de luxe, gekapert, und die 30 Mann Besatzung, mehrheitlich Franzosen, entführt worden sei. Der Autor kann sich den obligatorischen anti-amerikanischen Zusatz am Schluß des Artikels nicht verkneifen: die Entführung sei ein perverser Effekt dieser unter der Schirmherrschaft Washingtons durchgeführten anti-islamistischen Operation. (2)
Diese Ausgabe des Figaro ist die letzte während der Berlinreise, die nächste erwerbe ich, als ich wieder in Perpignan bin, am 30. April 2008. Darin fallen zwei Artikel auf: der eine Viertelseite einnehmende von Seite 9, über den Schüler von Meyzieu: "Ich war entschlossen zu töten" und der ganzseitige über den Inzest- und Mißbrauchsfall des Josef Fritzl, des Vaters der Finsternis. Ihm sind laut Google.de - Aktualitäten, vom 1. Mai 2008, 1449 deutschsprachige Beiträge gewidmet. Deutsche Medien bringen aktuell auch Agenturmeldungen über den Schüler von Meyzieu, der Fall kann dort nachgelesen werden. (3)
Die Mehrheit der französischen Qualitätsjournalisten maßt sich an, den Namen des Monsters, das den Eindruck eines braven Großvaters machte, nach Gutdünken zu verändern und ihrem beschränkten nationalen Horizont anzupassen, in dem sie ihn Jozef statt Josef schreibt. Keine einzige Eintragung bei Google.de nennt ihn so, sondern Google fragt: Meinten Sie Josef Fritzl? (4)
Ich bin solches gewöhnt. Bürokratie und Medien in Frankreich benennen ausländische Menschen und Städte, wie sie wollen. Ich habe beispielsweise fünf (!) Jahre benötigt, um die für mich zuständige französische Krankenkasse daran zu gewöhnen, Briefe an mich hin&wieder mit meinem legalen Namen zu adressieren. Das wäre eine andere Geschichte, die ich vielleicht einmal zum besten gebe, wenn der Fall nach Einreichen der Geburtsurkunde endlich ausgestanden ist.
Der einmalige Fall, der ganz Österreich bis in die Fundamente hinein erschüttert, geht auch am Figaro nicht vorüber, wobei dem Chefredakteur anscheinend nicht auffällt, was er mit dem Beitrag über den Schüler von Meyzieu zu tun hat. Josef Fritzl betreibt sein schändliches Werk in Österreich, in Europa. Er bedarf keines Vorbildes aus den USA; unsere Geschichte lehrt, daß Europäer zu allem fähig sind, was sich ein menschliches Hirn an Perversionen ausdenken mag. Für einige der übelsten Verbrechen findet sich nichts Vergleichbares in Nordamerika. Im Falle Österreichs erkennt der Figaro dies an, geht es aber ums eigene Vaterland, la patrie, dann kann die Tat nicht aus Frankreich stammen, sondern für die Justiz steht fest: "Man hat Glück gehabt. Dieser Jugendliche war sehr inspiriert von amerikanischen Serien, und er hat Internetseiten konsultiert, die sich auf Gemetzel (des tueries) in den USA beziehen. Er hat den Ermittlern gestanden: "Ich war entschlossen, sie zu töten." Man hätte viel schwerere Folgen haben können, stößt Xavier Richaud hervor. Bei diesem, der sich den Ursprung der Tat nicht als in Frankreich liegend vorstellt, handelt es sich um den Generalstaatsanwalt von Lyon.
Gibt man bei Google.fr "tuerie couteau" ein, ist man unter Hunderten von Einträgen zum Fall von Meyzieu schon auf der zweiten Seite in der Schweiz, dort werden Videospiele, der joystick, für Messerattentate verantwortlich gemacht. Am Ende der zweiten Seite endlich kommt Vavich zu Wort, ein Blogger, der sich im Fall des Schülers von Meyzieu gegen den von einem französischen Rundfunkjournalisten gebrauchten Begriff "Tuer à l´américaine" wendet: Stehen wir zu den Vesäumnissen, warum hatte der Junge so wenig Selbstvertrauen, und warum gab es niemanden, ihm zuzuhören, als er seine Drohungen ausstieß? Warum sich hinter so niedrigen Parolen verstecken? Damit würde man vergessen, daß der Junge sehr wohl in Frankreich getötet hat! (5)
Ist es Zufall, daß sich diese Worte der Vernunft auf einem Blog finden, in der "Rinnsteinpresse"?
Jean-Marc Philibert hinterfragt nicht, woher der Schüler die amerikanischen Serien kennt; doch nicht etwa aus dem französischen Fernsehen? Das Gemetzel in den USA jedenfalls habe er aus dem Internet. Außerdem sei der 15-jährige Philippe ein Fan des Gothik-Sängers Marylin Manson, wobei auch dieser Autor wie die des Artikels über Josef Fritzl seine Nonchalance beweist, wenn es um nicht-französische Namen geht. Bei Marilyn (!) Manson handelt es sich um den Namen des Frontmans der gleichnamigen Band, deren Mitglieder sich dadurch auszeichnen, daß sie ihre Künstlernamen zusammensetzen aus den Vornamen von Stars und den Familiennamen von Serienmördern. Im Fall von Marilyn Manson handelt es sich um Marilyn Monroe und Charles Manson. Dadurch soll die Dichotomie von Gut und Böse und das gleichzeitige Vorhandensein beider verdeutlicht werden, erklärt die Band. Wikipedia und Wikipédia liefern die nötigsten Informationen, wobei sowohl das Verhältnis der Band zur Gewalt als auch die Tatsache erwähnt ist, daß die Schüler Eric Harris und Dylan Klebold bei ihrer Schießerei von Columbine nicht von Marilyn Manson beeinflußt sind, sondern daß sie die Musik dieser Band nicht liebten. (6)
Meyzieu liegt in einer Industriezone, 12 Kilometer östlich von Lyon, der Figaro bezeichnet den Ort als banlieue lyonnaise, als Vorort von Lyon. Die Zeitung hat zum Suchbegriff Meyzieu elf Beiträge zu bieten. Neun von ihnen, vom 28. bis 30. April 2008, handeln von der Tat des 15-jährigen Schülers Philippe, der laut AFP und AP mit drei Küchenmessern Rechnungen an drei Mitschülern begleicht und einen von ihnen dabei lebensgefährlich verletzt. Die Agenturen berichten auch, daß Philippe seit längerem deutliche Symptome von psychischer Instabilität gezeigt sowie eine eigene Site unterhalten habe, auf der er mitgeteilt habe, sich an einigen Mitschülern zu rächen.
Das scheint niemandem der Lehrerschaft oder gar der Polizei aufgefallen zu sein.
Die Ermittler und der Figaro sind durch die Verlagerung der Ursachen der Tat in die USA dabei, die Mitverantwortung der Lehrer und der französischen Gesellschaft zu eliminieren; sie entlasten den Täter, der noch am Tag zuvor vom Generalstaatanwalt Xavier Richaud der vorsätzlichen Tat und des versuchten Mordes bezichtigt wird: Aber heute scheint er noch nicht ganz die Schwere seiner Handlungen realisiert zu haben, teilen seine ermittelnden Kollegen Jean-Marie Philibert mit. Wie verträgt sich diese Aussage damit, daß der Täter nach der Tat einen Selbstmordversuch unternommen hat und deshalb noch immer im Krankenhaus liegt? Die Anklage der Staatsanwaltschaft lautet auf versuchten Mord in mehreren Fällen. Reue komme in der Logik des Täters nicht vor, wohl aber kommt das Verständnis des Generalstaatsanwaltes für den armen souffre-douleur vor, den Prügelknaben der Schule: Sehr beeinflußt von den "Gemetzeln in den USA" hätte er seit einigen Monaten "ein Gemetzel geplant" und dabei auf sieben oder acht Mitschüler gezielt, mit denen er seine Rechnungen begleichen wollte, wiederholt Xavier Richaud.
Über die Opfer heißt es im selben Artikel kühl und knapp: Im Krankenhaus von Lyon untergebracht, erholen sich die Opfer, zwei Jungen und ein Mädchen zur Zeit von ihren Wunden. (7)
Was die beiden anderen Artikel des Figaro über Meyzieu betrifft, so befaßt sich der eine, vom 9. Februar 2008, mit dem Selbstmord eines 16-jährigen Insassen des dortigen Gefängnisses für Minderjährige. Fünf Tage verstreichen, bevor der Figaro darüber berichtet; für den anderen Artikel, über die Einweihung dieses ersten von sieben Knästen für Kinder und Jugendliche von 13 bis 18 Jahren durch den ehemaligen und den amtierenden Justizminister Frankreichs, am 14. Oktober 2007, genügt dem Blatt ein Tag. (8)
1. Mai 2008
Vorbilder für Messerattacken, in Rankweil/Vorarlberg
Laut Polizei handelte es sich um eine Auseinandersetzung zwischen einer türkischen und einer kurdischen Gruppe. Die Schlägerei, aber auch die Messerattacken gingen nach Angaben der Beamten von der kurdischen Gruppe aus. Sie habe offenbar eine Rechnung begleichen wollen. (9)
Zum Thema Dieser Jugendliche war sehr inspiriert von amerikanischen Serien, und er hat Internetseiten konsultiert, die sich auf Gemetzel (des tueries) in den USA beziehen. (3)
2. Mai 2008
Quellen
(1) Berlinreise: Perpignan - Bonn. 6. und 14. April 2008
http://www.eussner.net/artikel_2008-04-06_23-34-44.html
(2) "Un voilier français aux mains de pirates somaliens." Par Arnand La Grange,
Le Figaro, 5 avril 2008, p. 6 (nicht online)
(3) Le Collégien de Meyzieu: "J´étais décidé à tuer". Par Jean-Marc Philibert,
Le Figaro, 30 avril 2008, p. 9
http://tinyurl.com/3p65gp
Schüler verletzt drei Klassenkameraden, von hen/AFP/AP, SpiegelOnline,
28. April 2008
http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,550118,00.html
(4) Jozef Fritzl, le père des ténèbres. Par Laure Mandeville avec Maurin Oicard
(à Amstetten), Le Figaro, 30 avril 2008, p. 16
http://tinyurl.com/4ox8ok
(5) "Tuerie à l´Américaine". Par Vavich, T´as pas les schémas, 30 avril 2008
http://t-as-les-schemas.oldiblog.com/?page=lastarticle&id=19 48271
(6) Marilyn Manson. Wikipedia
http://de.wikipedia.org/wiki/Marilyn_Manson
Marilyn Manson. Wikipédia
http://fr.wikipedia.org/wiki/Marilyn_Manson
(7) Meyzieu : le collégien mis en examen. Par L.D. Le Figaro, 30 avril 2008
http://tinyurl.com/4bg6jo
(8) Débuts difficiles des établissements pour mineurs. Par L.C., Le Figaro,
8 février 2008
http://tinyurl.com/3fb6fu
Une première prison pour mineurs à Lyon. Par Frédéric Poignard, le Figaro,
15 octobre 2007
http://tinyurl.com/3f3tp5
(9) Fünf Verletzte bei Massenschlägerei. Vorarlberg. ORF.at, 2. Mai 2008
http://vorarlberg.orf.at/stories/274963/
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