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Odaliske mit einem Sklaven - $13.20

Wenn man wie ich Mitte der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts monatelang bei Freunden vom Deutschen Arch├Ąologischen Institut in Istanbul lebte, mit Blick von Cihangir ├╝ber den Bosporus, damals noch ohne die Bosporusbr├╝cken, aber mit Tausend Schiffen, Booten und K├Ąhnen, dann konnte man Geschichten h├Âren!

Die deutschen Forscher hatten unter den Planken des Top Kapi Serail Harems Briefe entdeckt, u.a. von den von Jean-Auguste-Dominique Ingres so verehrten malerischen Odalisken, den Haremsdamen (oda=Zimmer). Hunderte von Frauen, darunter die Odalisken, lebten abseits vom Getriebe der Ehefrauen und der Favoritinnen streng bewacht von Eunuchen unter deren Chef, dem Kizlar Agha, im Massenharem. Eunuchen waren in den Kriegen zur Machterweiterung des osmanischen Reiches, genannt Djihad, gefangene oder im Knabenalter versklavte Jungen, die vor der Pubert├Ąt kastriert wurden und ein Leben als Diener vor sich hatten.

Die Odalisken, die wei├čen Haremsdamen, waren Beutest├╝cke aus dem Djihad oder auf dem Sklavenmarkt erworbene M├Ądchen aus Tscherkessien, Georgien und anderen Gegenden des russischen Reiches, geraubte junge M├Ądchen, auch Geschenke der Zaren an den t├╝rkischen Sultan waren darunter. Die meisten von ihnen sahen ihren Gebieter, den Sultan, niemals. Er wu├čte nicht einmal von ihrer Existenz. Diese Frauen, die "Jungfrauen im Wartestand", waren die niedrigsten in der Hierarchie der Frauen, rechtlose Sklavinnen, die dem umfangreichen Sultanshaushalt zu dienen hatten.

Die Hierarchie der Frauen war: Odalisken (Jungfrauen), Konkubinen ("one night stands"), ikbals (Favoritinnen) und kadins (Ehefrauen).

Die Frauen der t├╝rkischen Sultane wurden wie alle Frauen unter dem Islam von den M├Ąnnern f├╝rs Kinderkriegen und zu ihrer sexuellen Befriedigung benutzt. "Der Harem war die Reglementierungsinstitution der dynastischen Reproduktionspolitik", bezeichnet El├žin K├╝rsat-Ahlers das lapidar und treffend. "Die Haremsfrauen hinterlie├čen keine Schriften", schreibt sie. Das stimmt also nicht ganz. Dennoch ist die Lekt├╝re ihres Beitrages sehr empfehlenswert.

Die Kinder der nicht anerkannten Konkubinen und Sklavinnen hatten keinerlei Rechte. Von den oft m├Ąchtigen Ehefrauen wurde gef├╝rchtet, da├č sie ihrem angetrauten Sultan nicht loyal w├Ąren, sondern ihren Herkunftsfamilien, was nicht verwunderlich ist, handelte es sich doch immer um arrangierte Ehen zur Machterweiterung beider Parteien. Deshalb waren die Thronfolger oftmals S├Âhne der Favoritinnen.

Man mu├č es sich so vorstellen, wie die Wahhabiten und Moslembr├╝der, die Nachkommen und Anh├Ąnger des Dr. Said Ramadan, die konvertierten Muslime Spaniens und die ihrer Ehre verpflichteten T├╝rken aus Berlin-Neuk├Âlln es heute f├╝r angebracht halten. Nur, da├č es bei der jungfr├Ąulichen Reinheit und der Polygamie au├čer f├╝r die arabischen Scheichs zun├Ąchst ohne den kostspieligen Zusatz der Favoritinnen, Konkubinen und Sklavinnen bleiben m├╝├čte. Aber das zu ├Ąndern und den fr├╝heren Zustand ann├Ąhernd wieder herzustellen, daran kann im Zeitalter der Arbeitslosigkeit noch gearbeitet werden.

Zu Sultan Ahmed III Zeiten (1673 bis 1730) war das Los der Haremsdamen zus├Ątzlich schlimm, weil der schwul war und ├╝berhaupt keinen Sinn entwickelte f├╝r deren Leben. Er zog aus dem Top Kapi Serail aus und hin├╝ber nach Asien. Die Frauen in ihren Verliesen blieben sich selbst ├╝berlassen. Daf├╝r aber war er Dichter und Kalligraph. Selbstverst├Ąndlich dichtete er in persisch.

Die Frauen des Harems hatten in den Zimmern gerade Platz, um sich auszustrecken zum Schlafen. Zum Leben hatten sie pro Tag etwa 50 Cent. Da aber die Natur ihr Recht forderte, gab es allerlei Gesch├Ąfte, um beispielsweise doch mit einem Mann Kontakt zu bekommen. Dazu wurden die allm├Ąchtigen Eunuchen bestochen. Wenn daraus eine Schwangerschaft entstand, so hoben die Frauen eine Planke des Zimmers und versteckten das bei der Geburt von ihnen get├Âtete Kind unter ihr. Das mu├čten sie schon ihres eigenen ├ťberlebens und dessen der f├╝r die Haremsordnung verantwortlichen Eunuchen willen machen.

Die Sultane liebten zur Demonstration ihrer Macht ├╝ber die unterworfenen V├Âlker besonders wei├če Eunuchen aus christlichen Gegenden, Tscherkessiens, Georgiens, Armeniens, Ungarns und auch aus dem Habsburger Reich. Schwarze Eunuchen waren ebenfalls beliebt, sie kamen aus ├ägypten, Abessinien und dem Sudan und wurden auf den arabischen Sklavenm├Ąrkten am Mittelmeer verkauft.

Wenn┬┤s ans Kastrieren ging, bl├╝hte einmal mehr die islamische Heuchelei. Da Kastrieren vom Islam verboten ist, nicht aber das Halten von kastrierten Sklaven, wurden dazu Dhimmis, ├Ągyptische Christen und Juden herangezogen. Sie hatten die Arbeit schon auf dem Wege der Sklaven zu den M├Ąrkten zu erledigen. Die drei Arten der Kastration waren "sandali", die Totalamputation des m├Ąnnlichen Geschlechtsteiles mit einem rasierklingenscharfen Schnitt, wobei viele der Opfer starben, die Penisamputation, wobei das sexuelle Verlangen erhalten blieb, oder die Hodenamputation. Schwarze Sklaven waren fast immer unter der ersten Kategorie, sie dienten im Harem. Zur Bl├╝tezeit des osmanischen Reiches gab es an die 800 schwarze Eunuchen im Harem. Wei├če Eunuchen waren unter den beiden anderen Kategorien. Sie dienten den osmanischen Regierungen im Innendienst, der Palastb├╝rokratie, der Eunuchenschule f├╝r wei├če Eunuchen, dem Krankenhaus und als Zeremonienmeister. Der "Kapi Agha", der wei├če Chefeunuch, kontrollierte Nachrichten, Anfragen und Petitionen an den Sultan. Er war der einzige, dem es gestattet war, pers├Ânlich zum Sultan zu sprechen. Ab 1591 war der Chefeunuch ein Schwarzer, weil die wei├čen in Zusammenarbeit mit den Haremsfrauen zu intrigant wurden. Es gab w├Ąhrend der osmanischen Herrschaft zwischen 300 und 900 wei├če Eunuchen im Serail.

Zur├╝ck zum Harem: die Mitarbeiter des Deutschen arch├Ąologischen Instituts fanden also die mumifizierten Leichen der Neugeborenen und auch Briefe der ungl├╝cklichen Frauen: Allm├Ąchtiger, wenn ich hier jemals wieder herauskomme, dann verspreche ich ... etc.

In den 60er Jahren war das Top Kapi Museum ein einziges Durcheinander: "kadinlar hamami gibi", wie im t├╝rkischen Frauenbad. Da konnte man das letzte Hemd von Genc Osman II (1604 bis 1622) bewundern, der von seinen revoltierenden Janitscharen im Verlies des Yedikule, des Schlosses der sieben T├╝rme, erstochen wurde: acht gegen einen. Er hatte vier Jahre regiert und war siebzehn Jahre alt, als man ihn ermordete. Da man einem Toten das Hemd nicht ├╝ber den Kopf ziehen darf, lag es, am R├╝ckenteil der L├Ąnge nach aufgeschnitten, blutbefleckt jahrhundertelang in einer Truhe, zwischen mit Gold- und Silberf├Ąden durchwirkten mottenresistenten Kaftanen, von denen einige mit einigen Prachtst├╝cken chinesischen Porzellanes ebenfalls ausgestellt waren.

Genc Osman war auch Dichter. Er schrieb wie alle gebildeten t├╝rkischen M├Ąnner persisch. Sein K├╝nstlername war Farisi=persisch.

Als ich dann Mitte der 80er Jahre wieder ins Top Kapi Museum kam, war alles wunderbar aufger├Ąumt, vom blutdurchtr├Ąnkten Totenhemd keine Spur, ged├Ąmpftes Licht und ├Ąsthetische Dekoration ├╝berall, und der Museumsf├╝hrer erz├Ąhlte am Orte des ehemaligen Harems, am munter pl├Ątschernden Brunnen, meinen Kollegen aus den asiatischen Entwicklungsbanken und mir die Geschichte vom ├╝ppigen luxuri├Âsen Leben der Haremsdamen. Mir platzte der Kragen, und ich meinte, ich kennte die Geschichte aber anders. Da verlie├č er mit der Gruppe rasch den Ort, nachdem er mich - na, wenn Blicke t├Âten k├Ânnten ...

Ich verga├č: die deutschen Forscher durften seinerzeit den Harem nicht mehr betreten. Sie hatten Schande ├╝ber die T├╝rken gebracht. Was aus den Briefen wurde, wer wei├č?

11. M├Ąrz 2005 - Links aktualisiert am 15. M├Ąrz 2006

Odalisque von Jean-Auguste-Dominique Ingres - $13.20
http://www.globalgallery.com/enlarge/018-22124/

Odalisque with a Slave Jean-Auguste-Dominique Ingres 1840
http://www.kunstkopie.de/kunstdrucke/FRA/motive/Odaliske-wit h-slave-Jean-Auguste-Dominique-Ingres-2904.html

Ingres, Jean-Auguste-Dominique (1780 bis 1867)
http://www.ibiblio.org/wm/paint/auth/ingres/

El├žin K├╝rsat-Ahlers: Haremsfrauen und Herrschaft im Osmanischen Reich in seiner Bl├╝tezeit. Verband der Politiklehrenden Hannover
http://www.dta-uni-hannover.de/publik/haremsfrauen.htm

Harem in the Ottoman Empire. By Burak Sansal. All about Turkey
http://www.allaboutturkey.com/harem.htm

Ottoman Web Site. Osmanli Sultanlar ve Tarihler
http://membres.lycos.fr/ecdad/osmanli/padi$ahlar/sayfa1.php



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